Freitag, 23. Januar 2015

Laten we Nederlands spreken!

So, heute gibt’s eine kleine Niederländisch-Lektion. Und eine Lektion in den Gepflogenheiten der Niederländerinnen und Niederländer. Die machen nämlich einiges gleich wie wir. Aber noch viel mehr machen sie komplett anders.

So, und bevor ich beginne, möchte ich noch mit einer Unklarheit aufräumen: Ich habe hier absichtlich NIEDERLÄNDISCH geschrieben und nicht HOLLÄNDISCH. Bezeichnet niemals einen Einwohner der Stadt Maastricht als Holländer! Er ist zwar sehr wohl ein Niederländer, aber ganz bestimmt kein Holländer! Holland ist nämlich nur ein Teil der Niederlande und für seine Klischees bekannt wie blühende Tulpenfelder, Käse, Windmühlen, flaches Land, von Kanälen durchzogene Städte… Alles Dinge, die man rund um Maastricht so ziemlich vergebens sucht. Und wir Schweizer möchten uns ja auch nicht gerne pauschal als Berner oder gar als Zürcher (auweia!) bezeichnen lassen, oder?

Niederlande mit Holland gelb eingefärbt

Nun noch ein Brocken Geographie: die Niederlande ist etwa gleich gross wie die Schweiz, liegt auf einer Europakarte ungefähr links oben und wird umzingelt von den Belgiern im Süden, von den Deutschen im Osten und vom Wasser der Nordsee und des Wattenmeers im Westen und Norden. Das Land wird von knapp 17 Millionen mensen (Menschen), rund 20 Millionen varken (Schweinen) und etwa einer Million schapen (Aussprache: s-chapen, Schafen) bevölkert. Knapp ein Drittel des Landes hat eine negative Meereshöhe.

Schapen

Jetzt schauen wir uns mal den Tagesablauf eines Beispielniederländers an. Wir nennen ihn mal Jaap. Früh morgens kriecht Jaap aus seinem bed und setzt sich an den tafel, um sein ontbijt (ontbeit), also sein Frühstück zu sich zu nehmen. Zum niederländischen ontbijt gehört in jedem Fall hagelslag (hachelslach). Was wie eine Unwetterfront klingt, sind in Wirklichkeit braune oder farbige Schokolade- oder Zuckerstückchen, die wir bei uns als Streusel kennen. Wir verzieren damit unsere Kuchen, Jaap schüttet sie in grosszügigen Mengen auf sein Butterbrot. Dazu gibt’s een kopje thee, ein Tässchen Tee.

Hagelslag

Nach dem ontbijt geht’s zur Arbeit und zwar auf dem fiets (fiiz), dem Fahrrad. Fietsen, also radeln, gehört in den Niederlanden zu den Alltagsbeschäftigungen. Vielleicht fietst Jaap an einem Haus vorbei, an dem ein Schild mit der Aufschrift huren prangt. Werden hier etwa Dienstleistungen aus dem Rotlichtmilieu angeboten? Weit gefehlt! Huren (hüüren) bedeutet nichts anderes als mieten. Huis te huur (höis te hüür) heisst also Haus/Wohnung zu vermieten.

Huis te huur

Jaap erreicht sein werk, also seine Arbeitsstelle und beginnt mit – einer vergadering (verchadering), einer Sitzung. In niederländischen Firmen sind vergaderingen sehr beliebt, sie dauern häufig eine halbe Ewigkeit und auch die Telefonistinnen und Lehrlinge sitzen mit am Tisch und werden nach ihren Meinungen gefragt. Überhaupt sind die Hierarchien in niederländischen Firmen vergleichweise flach.
Zum Mittagessen verzichtet Jaap in der Regel auf ein warmes Essen, sondern begnügt sich mit einem schnellen Imbiss. Besonders gerne mag er broodjes met kaas (Belegte Brötchen mit Käse) und dazu een glas melk (en chlas mellek), das bei uns eher zum Frühstück als zum Mittagessen passt. Aber das Mittagessen ist in den Niederlanden lediglich eine Zwischenmahlzeit und wird deshalb häufig als lunch bezeichnet.
Im Frühling, wenn es Nieuwe Haring (neuen Hering) gibt, genehmigt sich Jaap auch gerne solch einen Fisch mit uien (öien, Zwiebeln), den er sich von oben in den Mund gleiten lässt.



`s Middags (smiddachs), also nach dem Essen, müsste Jaap eigentlich wieder zur Arbeit; doch weil heute so schönes und heisses Wetter ist, nimmt er frei und geht zum Baden aan een meer (an einen See) oder aan de zee (ans Meer). Nein, ich hab die Übersetzungen nicht vertauscht, was für uns ein See ist, ist für die Niederländer tatsächlich ein meer und umgekehrt. So heisst das Mittelmeer auf niederländisch de Middellandse Zee (de middellandse see) und der Genfer See het Meer van Genève. Also, aufpassen!

Nordseeküste

Het avondeten (das Abendessen) ist die Hauptmahlzeit der Niederländer. Jetzt wird so richtig deftig gegessen, es gibt zum Beispiel stamppot, ein Gemüseeintopf mit Fleisch, der so lange gekocht wird, dass das Essen matschig ist und problemlos mit der Gabel zerdrückt werden kann. Vorab gibt es etwa erwtensoep (ertensup), also ein heisses Erbsensüppchen. Als toetje (tutje, Nachtisch) gibt es vla, eine süssliche Speise, die an Pudding erinnert.

Stamppot

 Vor dem Sprung ins Bett genehmigt sich Jaap noch een kopje koffie, ein Tässchen Kaffee, möglichst im Kreise der Familie oder von Freunden bij een gezellig praatje (bei en chesellech praatje), einem geselligen Geplauder. Dann ist’s Zeit zum Schlafen, welterusten (welterüsten, Gute Nacht)!

So, ich glaube, für heute tut’s das. Falls euch diese kleine Niederländisch-Lektion gefallen hat, schreibe ich demnächst mal eine kleine Fortsetzung. Bis dahin gebe ich euch gerne noch eine kleine Übung auf den Weg:
Vor Jahren bin ich bei einer Niederländisch-Lektion einmal über das niederländische Wort für Haftpflichtversicherung gestolpert, an dem ich mich über Tage abgemüht habe. Gerne lasse ich euch an diesem Wort mal die Zähne ausbeissen. Geschrieben wird es so:

Aansprakelijkheidsverzekering.

Und hier noch eine kleine Aussprachehilfe: Ansprakelekheidsversekering.


Also, übt schön, und passt mir auf, dass ihr keine Knoten in die Zunge bekommt!

Donnerstag, 31. Juli 2014

Auf Wiedersehen, geliebte Mama!

Es ist niemals einfach, einen geliebten Menschen los zu lassen. Heute musste ich meine Mama zu Grabe tragen. Es war ein sehr schwerer Tag für mich; wenn auch viele liebe Menschen da waren, die mir Mut zusprachen. Zuletzt habe ich meiner Mama ein Brieflein aufs Grab gelegt. Ein Brieflein mit folgendem Inhalt:



Mein geliebtes Mami

Noch am Samstag habe ich Dich gedrückt und jetzt bist Du schon nicht mehr bei mir. Mein Schmerz ist so gross, dass ich Dich nie mehr in meinen Armen halten kann. Du warst so ein wichtiger Teil meines Lebens, dass ich mir nur schwer vorstellen kann, wie mein Leben ohne Dich sein wird. Ich vermisse Dich jetzt schon so sehr!
Seit deiner schweren Erkrankung vor vier Jahren wusste ich ja, dass dieser Tag kommen würde und dass er wahrscheinlich viel zu früh kommen würde. Und doch trifft er mich jetzt so unvorbereitet. Ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben, dass Du noch einmal gesund werden würdest. Zumindest so, dass wir beide zusammen noch nach Holland hätten fahren können. So gerne hätte ich Dir doch die blühenden Tulpenfelder gezeigt. Ich weiss, dass Dir das enorm gefallen hätte. Leider war uns das nicht vergönnt.
Ich habe unsere gemeinsame Zeit immer sehr genossen und es war für mich immer wieder eine besondere Freude, Dich in Deinem kleinen Paradies zu besuchen, wie Du Deine wunderschön eingerichtete Dachwohnung genannt hast. Dort hast Du immer so gerne liebe Gäste empfangen. In wenigen Tagen wird Deine Wohnung geräumt sein und die wunderbaren Einrichtungsgegenstände werden verstreut sein. Deshalb habe ich ganz alleine noch einmal in deiner Wohnung übernachtet; einfach, um die unvergleichliche Atmosphäre zu spüren und mich von Deinem kleinen Paradies zu verabschieden. Es war nicht einfach für mich, schliesslich erinnert alles an Dich, selbst der Geruch. Und Du bist nicht mehr da. Trotzdem war es wichtig für mich.
Für mich geht jetzt ein ganz anderes Leben los. Nie mehr wird Dein Name auf dem Display meines Handys erscheinen und meine Besuche bei Dir, traditionell immer am Dienstag- und Samstagabend wird es nicht mehr geben. Und wie wird es an Weihnachten sein? Weihnachten, das Fest, das Du immer so geliebt hast und das wir beide immer zusammen verbracht haben. Den Gottesdienst an Heilig Abend, den wir immer besucht haben. Wie wir zusammen Weihnachtslieder gespielt und gesungen haben. Es wird schwer werden für mich. Aber ich werde dann meine Wohnung mit Deinem Weihnachtsschmuck schmücken, so wie Du Deine Wohnung immer geschmückt hast. Und dann wirst Du bei mir sein, einfach in meinen Gedanken und ich werde mich an vergangene Zeiten erinnern.
Ich habe Dich in der Aufbahrungshalle besucht. So friedlich bist du da gelegen in deinem hübschen Sommerkleid, das Claudia für Dich ausgesucht hat. Mit einer rosaroten Rose in der Hand, wie Du es gewünscht hast. Dieser Anblick hat mich geschmerzt, aber ich habe auch Dankbarkeit gespürt. Dankbarkeit, dass ich Dein Sohn sein durfte. Du hast Dein Leben vor allem für Deine Kinder gelebt. Bitte verzeih uns, wenn wir Dir dafür nicht immer die nötige Dankbarkeit entgegengebracht haben. 34 Jahre lang hast Du mich begleitet, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Immer hast Du mir Deine Liebe und Deine Wärme gegeben. Immer hast Du mir Dein Verständnis entgegengebracht. Deshalb habe ich mich vor Dir verbeugt, bevor ich die Aufbahrungshalle verlassen habe. Denn Du bist ein Mensch, der es verdient, dass man vor ihm in die Knie geht.
Liebes Mami, Du bist auf Deine letzte Reise gegangen, und Du hinterlässt hier eine riesengrosse Lücke. Ich weiss, dass ich noch oft um Dich weinen werde. Aber ich bin auch dankbar, dass Du von Deinem Schmerz erlöst wurdest. Es war für mich enorm schwer, Dich so leiden zu sehen. Doch auch wenn Du nicht mehr da bist, in meinen Gedanken wirst Du immer bei mir sein. Am Himmel werde ich Deinen Stern sehen und in meinem Herzen wird für Dich immer ein ganz grosser Platz frei sein, egal, was auch passieren möge. Ich bin davon überzeugt, dass wir uns irgendwann wieder sehen werden, und das gibt mir Trost. Bis dahin werde ich versuchen, so zu leben, wie Du es mir beigebracht hast. So, dass Du stolz sein kannst auf mich.

Sei ganz lieb umarmt

Dein Dich liebender Sohn Christian



Zum Schluss möchte ich noch folgendes sagen: wenn ihr noch eine Mutter habt, dann geht zu ihr und schenkt ihr eine innige Umarmung. Es kostet euch nichts und schon morgen könnte es zu spät sein!


Das Grab meiner Mama

Dienstag, 8. April 2014

Von Kuhglocken und Kirchglocken - und deren Schlägen

Kürzlich war ich für einen Kundenbesuch bei einem Bauern im Bernbiet. Und ich kann euch sagen, es war ein höchst amüsanter Besuch! Nicht etwa, weil sein technisches Problem so interessant war; nein, vielmehr wegen folgendem Dialog (für all jene, die des berndeutschen Dialekts nicht ganz so mächtig sind, habe ich in Klammern die Übersetzung ins Standarddeutsche angefügt):

„Gseht ehr das Eifamiliehuus det ar Strass vore?“ (Sehen Sie das Einfamilienhaus dort vorne an der Strasse?)
„Ja.“
„Det esch chörzlich so nen Zörcher izoge.“ (Da ist kürzlich ein Stadtmensch eingezogen.)
„U näär het dä ds Gfüu gha, är müess sech be mer öber d Glogge vo mine Chüe beschwäre!“ (Er hatte die Freundlichkeit, mir ein Feedback zu den Glocken meiner Kühe zu geben.)
„Ju, dem hani denn d Chottle potzt!“ (Ich habe ihn höflich auf die hiesigen Gepflogenheiten aufmerksam gemacht.)
„E ha dere Zürischnure gseit, är söu zersch emol aschtändigs Bärndütsch lere, bevor er hie chonnt siner Aschpröch cho stelle.“ (Ich habe diesem städtisch Schwätzenden empfohlen, berndeutsch zu lernen, um seine Anliegen ohne Missverständnisse darlegen zu können.)
„U wenn em d Glogge vo mine Chüe ned passe, chan är ja gärn weder of Zöri de Stadtlärm ga lose. Mer wäre hie ömu ned onglöcklech dröber.“ (Wenn die Glocken meiner Kühe leiser sind als der Stadtlärm würde uns das nicht unglücklich stimmen.)



Irgendwie erinnert mich dieser Fall an die Geschichte eines in der Schweiz wohnhaften Niederländers, der sich neben einer Kirche niedergelassen hat, um sich danach über die andauernd läutenden Kirchturmglocken zu nerven. Wobei es nicht überaus erstaunlich ist, das sich Niederländer, die sich die lieblichen Glockenspiele der niederländischen Kirchen gewohnt sind, über hiesige kompromisslose Glockenschläge wundern.



Was lernen wir also aus diesen Geschichten? Wer neben eine Kirche zieht oder hinaus aufs Land, muss mit Schlägen rechnen! Nun ja, ich meine mit Glockenschlägen, sei es von Kuh- oder Kirchturmglocken.
Und als Erkenntnis Nummer zwei können wir festhalten, dass die Missverständnisse zwischen (Stadt-) Zürchern und (Land-) Bernern sich auf ähnlichem Niveau bewegen wie zwischen (Flach-) Niederländern und (Berg-) Schweizern.
Und die dritte Erkenntnis: Meinungen zwischen Stadtlärm und Landruhe, zwischen Kuhglocken und Kirchturmglocken gehen weit auseinander. Zum Glück, sonst würden mir noch die Themen für meinen Blog ausgehen.

Und das wäre doch schade, oder?

Mittwoch, 19. Februar 2014

Gummiball und Leichtstahlzüge - der Geschmack der 80er

Damals, tief in den 80ern, als wir Kinder noch Biene Maja schauten auf den verschneiten Analog-Bildröhren und als Sendungen wie „Verstehen Sie Spass?“ Mit Paola und Kurt Felix und viel zu bunten Bühnenkulissen über den Bildschirm flatterten; damals, als man noch auf Telefonzellen angewiesen war, wenn man mal eben schnell zu Hause anrufen wollte, Telefonzellen mit der Aufschrift „PTT“ und darunter: „Dänk dra – lüt a!“, damals tummelte sich ab und zu ein kleiner Junge am Bahnhof im luzernischen Sursee. Ganz alleine war er da, fortgeschlichen von zu Hause und staunte über die mächtigen grünen Lokomotiven mit dem Schweizer Kreuz vorne drauf. Er beobachtete, wie Züge durchfuhren, wie sie hielten und wieder wegfuhren. Wie Güterzüge lärmig vorbei ratterten, wie Reisende aus- und einstiegen.

Damals am Bahnhof Sursee mit Dampfzug der Sursee-Triengen-Bahn


Dieser kleine Junge war ich und – ja, Mami, es tut mir ja leid, dass du dir manchmal Sorgen machen musstest, weil du nicht wusstest, wo ich war. Aber zumindest wusstest du, dass du immer zuerst am Bahnhof nach mir suchen musstest!


Typisch für die 80er: Ae 4/7 vor Güterzug

Die grossen Züge waren schon damals die Welt des kleinen „Chrigeli“. Damals war alles anders als heute. Vor den Güterzügen standen noch Ae 4/7 im Einsatz, eine Lokomotive, die ich damals als „das kleine Krokodil“ bezeichnete, obwohl es mit der richtigen Krokodillok eigentlich nicht viel gemein hatte. Die Bummelzüge bestanden aus Leichtstahlwagen mit Mitteleinstieg, gezogen von Re 4/4 I. In diesen Wagen roch es immer genau gleich, nach Eisenbahn einfach! An den Wänden hingen Schwarz-weiss-Fotos mit Sujets aus der Schweiz und in den Abteilen hingen blaue Glühbirnen (wie ich später erfuhr die sogenannte „Kriegsbeleuchtung“, um bei Fliegeralarm nachts nicht als leuchtende Zielscheibe durch die Gegend zu fahren). Auf den Bahnsteigen gab es noch keine Linien, hinter die man sich stellen musste, keine elektronischen Zielanzeigen und die Lautsprecherdurchsagen wurden noch live gesprochen und kamen nicht vom Band. Überall standen noch diese grossen Gepäckkarren rum mit den vier grossen Rädern und der breiten Ladefläche, wo man sich so wunderbar hinsetzen konnte. Und manchmal tuckerte der Dampfzug der Sursee-Triengen-Bahn heran, hüllte den Bahnhof in Rauch und brachte diesen unverwechselbaren Geruch mit; ein Gemisch aus verbrannter Kohle und Schmierstoff.


Kindheitserinnerungen: Leichtstahlzug mit Re 4/4 I

Der Kiosk war noch ein einfacher Stand, den Gleisen zugewandt und es gab dort nur Zeitungen, Zeitschriften und Süssigkeiten zu kaufen. Und Gummibälle. 1987 kaufte ich mir einen orangen Gummiball an genau jenem Kiosk für 2 Franken 50. Ich musste auf die Zehenspitzen stehen, um an den Ball zu kommen, nachdem ich der Kioskfrau die lange ersparten Münzen in die Hand gedrückt hatte.


Es war eine so unbeschwerte Zeit! Dabei war schon damals die Welt nicht mehr in Ordnung. Europa war zweigeteilt in westliche und kommunistische Staaten, die die Meinungsfreiheit unterdrückten. Es wurde diskutiert, ob man das Gemüse noch essen dürfe nach der Katastrophe im fernen Tschernobyl, dort, bei den Kommunisten. Und das Wort „Waldsterben“ war in aller Munde.


Doch das alles beschäftigte nur die Erwachsenen, an mir ging das vorbei. Ich hatte ja meine Züge, und die forderten meine ganze Aufmerksamkeit. Und wenn ich heute auf meiner Modelleisenbahnanlage dem Modell-Bummelzug mit Re 4/4 I und Leichtstahlwagen zuschaue, wie er seine Runden dreht, dann bin ich wieder der kleine Junge aus den 80ern. Als ob die Zeit stehen geblieben wäre.


Leichtstahlzug auf meiner Modellbahn

Wie wäre es doch schön, noch einmal dorthin zurückkehren zu können! Nur für einen Tag! 
Oder ja, vielleicht auch für zwei!

Donnerstag, 16. Januar 2014

Tulpenmanie und Goldwahn

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts brachten Niederländische Seefahrer ein paar unscheinbare Zwiebeln von ihren Fahrten nach Hause. Die daraus spriessenden Tulpen wurden gezüchtet, wurden zu Liebhaber- und später auch zu Spekulationsobjekten. Die Preise für spezielle Tulpenzüchtungen erreichten ungeahnte Höhen, zu Beginn des Jahres 1637 wurden prunkvolle Häuser an bester Lage gegen einige wenige Tulpenzwiebeln in Zahlung gegeben.

Dann, im Februar 1637 platzte die Blase. Es fanden sich keine Käufer mehr, die bereit waren, die massiv überteuerten Tulpenzwiebeln zu kaufen und die Zwiebeln verloren innert weniger Wochen rund 95% ihres Wertes. Man spricht noch heute vom ersten Börsencrash der Geschichte. Manch ein Händler verlor dabei sein ganzes Vermögen.

Tulpenfeld in Holland


Jetzt mögen wir vielleicht sagen: ja, wie dumm muss man denn sein, wenn man sein Haus gegen ein paar Zwiebeln tauscht? Aber wer beobachtet, wie jemand für drei Zwiebeln ein Pferd bekommt, eine Woche später die gleichen drei Zwiebeln für ein Fuhrwerk samt Ochse den Besitzer wechseln und wieder eine Woche danach jemand sein Häuschen auf dem Land für die selbigen drei Zwiebeln hergibt, ist es nur menschlich die folgende Gleichung zu machen: nächste Woche tausche ich meine Windmühle gegen diese drei Tulpenzwiebeln und eine Woche später bekomme ich eine ganze Strasse dafür!


Wer jetzt aber denkt, dass sich so etwas heute auf keinen Fall mehr wiederholen könnte, der sei sanft an den Goldpreis erinnert. Seit dem Jahre 2000 stieg der Goldpreis von knapp 300 USD auf 1900 USD im Spätsommer 2011. Dass die Kurve im folgenden Jahr alles andere als bullisch daherkam, scheint den meisten Analysten entgangen zu sein und die fallenden Preise wurden zunächst noch als harmlose Korrekturbewegung und willkommene Nachkaufgelegenheit angesehen. Bis der Goldpreis im Frühsommer 2013 auf 1180 USD hinunter rasselte. Okay, das sind keine 95% Wertverlust, aber irgendwie gleichen sich die Bilder der Tulpenmanie aus dem 17. Jahrhundert und des Goldwahns im 21. Jahrhundert doch verdächtig stark. Meines Erachtens war der Goldpreis 2011 einfach massiv überbewertet, da ist der momentane Preis bei rund 1250 USD schon bedeutend realistischer.


Goldbarren


Stellt sich nun noch die Frage, ob die Menschheit eigentlich nichts aus der Vergangenheit lernt. Wenn es um Geld geht, scheint unsere Spezies tatsächlich eine gewisse Lernresistenz zu entwickeln. Und so wie wir uns heute an den Kopf reichen, wenn wir an die „Deppen“ denken, die bei der Tulpenmanie reingefallen sind, so denken in ein paar hundert Jahren vielleicht unsere Nachfahren an die „Blödmänner“ aus dem 21. Jahrhundert, die so dämlich waren, ihre Häuser gegen einen Block gelbes Metall zu tauschen. Zumal ein Haus seinen Bewohner vor Regen, Wind und Kälte schützt, während dieser Metallblock keine dieser Vorzüge hat.

Na ja, vor Regen könnte er vielleicht einigermassen schützen, wenn man ihn über den Kopf hält. Und wenn man stark genug ist, ihn nicht fallen zu lassen. Sonst würde man nämlich von seinem eigenen Reichtum erschlagen. Zum Glück kaufen die meisten Händler heute nur noch Buchgold, das doch einiges an Masse weniger mitbringt als ein Goldbarren.


Und noch ein Tipp zum Schluss: Tauschen Sie Ihr Haus weder gegen Tulpenzwiebeln noch gegen einen Goldbarren. Sie könnten es vielleicht bereuen!

Montag, 23. Dezember 2013

„Sie, wo geht’s denn hier zum Reichsmuseum?“

Beim Vorhang links! Oh, pardon, ich wollte Sie nicht verarschen. Im Gegensatz zu anderen…

Aber fangen wir doch von vorne an. Vor einiger Zeit hatte ich eine Lesung in Basel und las dort aus meinem Buch „Das Geheimnis vom IJsselmeer“. Eingeladen wurde ich von der Gesellschaft Schweiz-Holland, Sektion Basel. Erwartet hatte ich etwa 20 Zuhörer, schliesslich waren es jedoch fast 60, der Saal war riesig, Mikrofon gab es keines, weshalb ich so laut sprach, dass ich schlussendlich fast heiser war. Und das Publikum war wahrlich hochkarätig! Der Niederländische Generalkonsul war anwesend und neben mir sass ein Professor für spanische Literatur, welcher an der Universität Basel arbeitet.
 
Mein Buch
 
 
Der Rest des Saales war hauptsächlich von Niederländerinnen und Niederländern besetzt. Niederländer, die der deutschen Sprache zumindest einigermassen mächtig sind – sozusagen das Zielpublikum für mein Buch!

Es wurde dann auch eine recht erfolgreiche Veranstaltung, über 10 Bücher konnte ich verkaufen. Und das anschliessende Essen – eine Indonesische Rijsttafel – war ausgezeichnet. Doch dann war da eben noch diese Anekdote mit dem Reichsmuseum…

Nun, einige Leser meines Buches sind der Ansicht, dass die Deutschen in meinem Buch ein bisschen schlecht wegkämen. Nun ja, so schlimm kann’s nicht sein, schliesslich wurde das Buch von einem deutschen Verlag herausgegeben und der Lektor, der ebenfalls der deutschen Nationalität angehört, hat sich auch nicht beschwert. Aber in meinem Buch wird ab und zu der Zweite Weltkrieg angeschnitten und dass die Deutschen in dieser Periode nicht gerade eine überaus glorreiche Figur abgegeben haben, ist weiss Gott nicht mein Fehler. Auf jeden Fall habe ich an jenem Abend noch ein persönliches Erlebnis erzählt, das ich einmal mit einem arroganten Deutschen in den Niederlanden hatte. Dieser Tourist steuerte gezielt auf mich zu und rief schon von weitem: „Sie, wo geht’s denn hier zum Reichsmuseum?“ Ja, hallo, wie wär’s zuerst mal mit „Guten Tag“ oder so? Aber das dachte ich nur und sagte es nicht. Egal, ich erklärte ihm dann den Weg und bereue es noch heute, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte, als er merkte, dass ich ihn statt zum Reichsmuseum zum Zoo geschickt hatte…

Ich habe ehrlich gesagt nicht unbedingt damit gerechnet, dass Angehörige der deutschen Nationalität im Publikum sitzen. Die betreffende Dame jedoch hat sich im Anschluss energisch bei mir beschwert. Dabei habe ich doch nur ein persönliches Erlebnis erzählt!

Irgendwann kam noch die Frage aus dem Publikum (ich glaube, sie kam vom Konsul), wo ich die Gemeinsamkeiten zwischen den Schweizern und den Niederländern sähe. Ehrlich gesagt, auf die gegenteilige Frage wäre ich besser vorbereitet gewesen. Aber Gemeinsamkeiten haben wir so viele! Wir sind beides Menschen, leben beide in Europa, wohnen beide in Häusern, fahren beide mit der Eisenbahn, dem Auto und dem Fahrrad (wobei die Niederländer bei letztgenanntem Fahrzeug sicherlich die Nase vorne haben), benützen zum Schlafen beide ein Bett,… und bevor ich meinen letzten Leser verliere, breche ich jetzt hier ab.

Etwas, das die Schweiz und die Niederlande ganz speziell verbindet, ist der Rhein. Dieses blaue Band, das die beiden Länder wie eine Paketschnur aneinanderbindet, auch wenn der Fluss beim Queren der deutsch-niederländischen Grenze den Namen wechselt und als „Waal“ die letzten gut 100 Kilometer bis zur Nordseemündung zurücklegt. Ja, wenn ich in Solothurn in die Aare spucke, kann es sein, dass zwei Wochen später ein niederländischer Fisch an meinem Schleim erstickt. Und wenn nicht, wird meine Spucke an Rotterdam vorbei in die Nordsee gespült, bei Hoek van Holland und landet am Schluss vielleicht am nahen FKK-Strand. Doch was dort mit meiner Spucke geschehen könnte, darüber breiten wir jetzt den Mantel des Schweigens, bevor es hier noch zu Sauereien kommt.

Ja, was bleibt als Fazit? Ein herzlicher Dank an die Gesellschaft Schweiz-Holland für die Einladung! Und für alle Deutsche noch folgender Hinweis: Arroganz ist keine Frage der Nationalität, sondern der persönlichen Einstellung. Ich kenne auch arrogante Schweizer und Niederländer, dafür bin ich schon unzähligen sehr netten Deutschen begegnet. Na ja, sagen wir, zumindest einigen.

Ach, Sie haben mein Buch noch gar nicht gelesen? Das nenne ich aber eine Bildungslücke! Aber Sie können das nachholen! Klicken Sie hier für nähere Infos!

Sonntag, 10. November 2013

"Es isch nümm wie aube"

Oder für alle, die des berndeutschen Dialekts weniger mächtig sind: Es ist nicht mehr wie früher. Oder auch: Früher war alles besser. Solche Sätze hört man oft. Doch ist das wirklich so? War früher wirklich alles besser?
 
Um das zu beurteilen, müsste man erst einmal wissen, was heute denn als besonders schlecht beurteilt wird. Vielleicht die Arbeitslosenquote? Die Kriminalität? Die höheren Lebenskosten? Der Stress? Die vielen Asylbewerber? Die heutige Jugend ohne Anstand? Die überrissenen Managerlöhne? Die Weltwirtschaftskrise? Vielleicht sehnen wir uns auch an jene Zeit zurück, als noch Dampfzüge gemütlich durchs Land tuckerten und als die Kinder (also wir damals) noch draussen mit Freunden spielten und herumrannten anstatt vor dem PC zu sitzen. Als wir noch miteinander sprachen anstatt zu chatten und SMS zu schreiben.
 
War früher also wirklich alles besser? Stichwort Arbeitslosenquote: Sie war schon immer Schwankungen unterworfen. 1937 beispielsweise lag die Arbeitslosenquote in der Schweiz bei 4.5%, 1997 bei knapp 6% und heute liegt sie bei ca. 3%. Dazwischen gab es immer wieder Phasen, wo sie zwischen 0 und 1% lag, nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sogar tausende ausländische Arbeitskräfte in die Schweiz geholt werden (vornehmlich aus Italien), um den Bedarf der schnell wachsenden Wirtschaft zu decken.
 
Stichwort Kriminalität: Sie mag in den letzten Jahrzehnten tatsächlich gestiegen sein. Jedoch gab es auch früher in der Schweiz immer wieder Gewaltexzesse. Terror in der Schweiz: 1969 Attentat in Kloten auf israelisches Flugzeug; 1970 Anschlag auf Swissair-Maschine, welche danach bei Würenlingen abstürzte, 47 Tote. Unruhen: Landesgeneralstreik in der Schweiz 1918; hunderttausende Menschen waren unzufrieden wegen sozialer Ungerechtigkeit, Armut und Existenznöten. Und das in der „guten alten Zeit“. In den frühen 1980er Jahren kam es zu Jugendunruhen in Zürich mit hunderten von Verletzten, Vandalismus und Sachschäden in Millionenhöhe. Kindsentführungen: In den 1980er Jahren verschwanden in der Schweiz etliche Kinder spurlos, von einigen wurden später die Leichen gefunden, mehrere blieben verschollen. Viele Fälle sind bis heute ungeklärt.
 
Landesstreik 1918 - Armeeangehörige bewachen die Eingänge des Bundeshauses vor dem wütenden Volk
 
Stichwort Asylbewerber: Auch hier gab es immer wieder Flüchtlingswellen. 1956 flohen 12‘000 Ungaren in die Schweiz, 1968 ebensoviele Tschechoslowaken nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. In den 1970er und 80er Jahren kamen über 8000 Vietnamesen. Und auch damals gab es schon Spannungen und Ängste in der Bevölkerung.
 
Stichwort heutige Jugend: Bereits vor zweieinhalbtausend Jahren sollen sich griechische Denker und Schriftsteller über den Zerfall von Sitten und Respekt bei der „heutigen Jugend“ beschwert haben. Es scheint normal zu sein, dass Alte in jeder Epoche über die aktuelle Jugend jammern. Bestimmt ist auch die jugendliche 68-Bewegung bei der älteren Bevölkerung nicht auf übermässig viel Verständnis gestossen.
 
Stichwort Weltwirtschaftskrise: die gab es immer wieder. Um 1930 ereignete sich ein enormer Börsencrash, der auch in der Schweiz zu vielen Arbeitslosen führte. Bereits im 17. Jahrhundert bildete sich in Holland eine Blase, als die Tulpenpreise astronomische Höhen erreichten, bis sie auf einmal in den Keller fielen. In unserer Zeit ist es der Goldpreis, der in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, um dann im Frühjahr 2013 rund einen Drittel seines Wertes zu verlieren. Die Bilder gleichen sich. Haben wir eigentlich nichts aus der Geschichte gelernt?
 

Rümlingen an der alten Hauensteinstrecke während dem Dampfzeitalter
 
Bestimmt waren früher einige Dinge besser als heute. Die Kinder heute sind im Durchschnitt schwerer und unsportlicher als früher. Ja, vor PC konnten wir nicht sitzen, den gab es damals ja noch nicht. Wir spielten lieber draussen. Natürlich war die Zeit damals weniger stressig, natürlich ging die Lohnschere weniger weit auseinander, natürlich war das Bahnfahren mit den Dampfzügen noch ein Erlebnis. Trotzdem ist der ÖV heute viel dichter und die Niederflurzüge, -trams und –busse ermöglichen auch behinderten Menschen ein gewisses Mass an Freiheit, wie es früher nicht üblich war. Die medizinische Versorgung ist heute besser; Pandemien wie die Spanische Grippe 1918, welche alleine in der Schweiz über 24‘000 Tote forderte, würden heute wohl bedeutend glimpflicher verlaufen.
 
Aber es gab auch ganz dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte, zum Beispiel jenes der Verdingkinder; Kinder, welche bis in die 1960er Jahre von fremden Familien teilweise wie Sklaven gehalten, erniedrigt, ausgebeutet und missbraucht wurden. Unverheiratete Frauen wurden ihrer Kinder beraubt und häufig als Zwangsmassnahme sogar sterilisiert. In einigen Kinderheimen wurden Kinder mit Gewalt konfrontiert, missbraucht und teilweise sogar richtiggehend gefoltert. Und das in der „guten alten Zeit“. Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels hat erst vor kurzem begonnen.
 
Wo also ist die gute alte Zeit? Warum finden wir sie nicht? Weil es sie nie gab! Jede Zeitepoche hat ihre positiven und ihre negativen Seiten, die vergangenen genauso wie die heutigen. Und trotzdem ist es doch so schön, von guten alten Zeiten zu träumen!
 
Halten wir doch einfach die positiven Seiten vergangener Tage in guter Erinnerung und erfreuen wir uns an den positiven Seiten der heutigen Zeit. Und vielleicht werden es einmal unsere Kinder sein, die irgendwann sagen werden: „Damals, 2013, als ich noch ein Kind war, da war die Welt noch in Ordnung…“